Sebastian Runkel | TV Witzhelden Triathlon
Wer schon einmal in Roth gestartet ist, weiß: Es ist kein Rennen wie jedes andere. Über 300.000 Zuschauer säumen die Strecke, beim Schwimmstart steigen Ballons in den Himmel, und wer den Solarer Berg hinauf kommt, taucht für ein paar Minuten in echtes Tour-de-France-Gefühl ein. Roth ist als Rennen einzigartig. Dies muss vorweg gesagt sein!

Jetzt zu meiner persönlichen Rennerfahrung…
Es gibt Rennen, die laufen genauso, wie man es sich am Schreibtisch ausgemalt hat. Und es gibt Langdistanzen. Auf 3,8 km Schwimmen, 180 km Rad und 42,2 km Laufen läuft so gut wie nie alles perfekt – die Kunst ist, wie man mit den Rückschlägen umgeht. Am Ende zeigte die Zielanzeige 10:14:19 Stunden an, Platz 608 in der Gesamtwertung und Platz 107 in der Altersklasse M40 – eine Verbesserung von 1:41 Stunden gegenüber dem ersten Roth-Start 2023. Und doch ist die nackte Zahl nur die halbe Geschichte…

14 Monate Vorbereitung
Zu Beginn der Vorbereitung stand ein Learning aus der ersten Langdistanz im Mittelpunkt: die Kohlenhydrataufnahme. 2023 war meine Verpflegungsflasche auf dem Rad verloren gegangen, was zur Folge hatte, dass ich deutlich zu wenig Energie zugeführt habe – das sollte sich nicht wiederholen. Das Ziel war zu Beginn, die 11:55 Stunden von damals zu unterbieten.
Mit der Zeit merkte ich, die Vorbereitungen liefen richtig gut, mit wenig bis keinen krankheits- oder verletzungsbedingten Ausfällen. Ich habe das Training gut angenommen und vertragen, auch wenn ich hier und da immer mal wieder die Grenzen ausprobierte, was mein Körper so vertragen würde. So waren auch mal Wochen mit 20 Stunden Training dabei. Das Selbstvertrauen wuchs und damit auch der Ehrgeiz. Aus „unter 11:55“ wurde „Richtung 11 Stunden“, wurde irgendwann sogar ein Blick Richtung der magischen 10-Stunden-Marke. Die Leistungsdiagnostik bei ProAthletes bestätigte: An einem perfekten Tag wäre sub10 durchaus möglich gewesen.

5. Juli 2026 – Race Day
Vor dem Start. Noch bevor der eigene Startschuss fiel, bot der frühe Morgen am Ufer schon ein Schauspiel für sich: die ersten Profis kamen aus dem Wasser und vollzogen den ersten Wechsel, während ringsum die Anspannung und Vorfreude der wartenden Athleten in der Luft lag. Eine ganz eigene, fast magische Stimmung – alle haben sich Monate lang vorbereitet und dürfen nun abliefern.
Plötzlich war es 7:30 Uhr (7:35 Uhr war mein Start-Slot im Wasser, wohlgemerkt). So warf ich kurzerhand meinen After-Race-Beutel den Helfern zu und sprintete durch die wartenden Athlet:innen und erreichte dann 2 Minuten vor Start die Startposition im Wasser. Nach etwa 1 km dachte ich, so langsam müsste meine Uhr doch piepen und die Durchgangszeit zeigen? Es stellte sich heraus, dass meine Uhr kurz nach dem Start wieder stoppte – der Rest des Tages sollte ohne verlässliche Zielzeit-Prognose bestritten werden, ähnlich wie es schon beim ersten Roth-Start war. Damals ging der Akku leer.
Damit nicht genug: Rund 800 Meter vor dem Schwimmausstieg wurde es dann richtig unangenehm. Übelkeit zwang mich, am Kanu einer Helferin Pause zu machen – ich konnte nicht mehr weiterschwimmen. Sollte das Abenteuer Roth hier enden? Nach ein, zwei Minuten sammelte ich mich etwas und schwamm am Rand des Kanals mit viel Support durch Familie Maus weiter – vielen, vielen Dank! Auch wenn ich immer wieder Pausen machen musste, erreichte ich doch noch den Schwimmausstieg. Etwas gebrochen und körperlich noch nicht in der Lage zu laufen, ging ich frustriert Richtung Wechselzelt. Was wird das für ein Tag heute? Die Gedanken kreisten… ich holte mich zurück ins Rennen: Jetzt kommt Radfahren, das kann ich (schwimmen eigentlich auch, aber trotzdem sagte ich mir das 😀).
Tatsächlich konnte ich mich auf dem Rad relativ schnell fangen und fand zurück ins Renngeschehen. Die erste Runde lief nach Plan: 211 Watt im Schnitt, 36,6 km/h. In einer schnellen Abfahrt flog dann bei Kilometer 90 der Strohhalm der Aeroflasche durch ein Schlagloch weg. Was banal klingt, hatte Folgen – ohne Strohhalm ließ sich die Flasche im Cockpit nicht mehr nutzen; sie diente zum Mischen meiner Verpflegung und auch als zusätzliches Flüssigkeitsreservoir. Besonders Letzteres war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, und so kam es, wie es kommen musste: An einer Verpflegungsstation wurde einmal nicht ausreichend Flüssigkeit aufgefüllt. Die Folge: eine leichte Dehydrierung zwischen Kilometer 122 und 155, die sich in der zweiten Runde in einem Leistungsabfall niederschlug. Aus 211 Watt wurden 187 Watt im Schnitt – mein Ziel waren 210 Watt im Durchschnitt.
Mit diesem weiteren Päckchen an ungeplanten Dingen, die schief gehen können, ging es auf die Laufstrecke. Hatte ich noch eine Chance, Richtung 10 h zu kommen? Durch den Uhrausfall hatte ich keine Ahnung, wo ich lag – da half auch die zweite Uhr nicht, die ich zur Sicherheit beim zweiten Wechsel anzog. Was hatte ich eigentlich noch zu verlieren? Die Verpflegung beim Laufen lief gut, also entschied ich: Jetzt laufe ich ambitioniert los – der Tag war gefühlt schon gebraucht. Statt der geplanten 5:20 min/km ging es im 5er-Schnitt los, und dieses Tempo konnte ich überraschenderweise recht lange halten. Kilometer 30 bis 32 kam, es geht einen kleinen Anstieg Richtung Büchenbach hoch. Hier musste ich schon etwas kämpfen, die Pace wurde langsamer, bis ich bei km 34 durch Übelkeit und mittlerweile schmerzende Muskeln wieder in meinem Rhythmus aus „Pause und Weitermachen“ war, den ich schon vom Schwimmen kannte. Es war brutal hart. Bei Kilometer 40 konnte ich dann tatsächlich doch noch den Rest bis ins Ziel laufen – dies lag vor allem an Michael, der mich vom Streckenrand lautstark anfeuerte und die letzten Körner aus mir rausholte. Danke, Michael

Letztlich konnte ich den Marathon noch in 3:52:28 Stunden bestreiten – aus der Rückschau betrachtet eine richtig zufriedenstellende Zeit, gerade angesichts der Umstände.
Ein Dank, der bleibt!
So ein Projekt kann man nicht alleine umsetzen. Hoher und kontinuierlicher Trainingsumfang über 14 Monate hinweg ist nur möglich, weil das Umfeld mitspielt und der Alltag durch Training bestimmt werden darf – dafür ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Vorbereitung erst ermöglicht haben, besonders an meine bessere Hälfte ❤️
Ein ganz großer Dank geht an Katja, Michael und Fabienne Maus, die vor Ort erstklassig unterstützt haben. Auch ihr habt euren Beitrag zum Rennergebnis geleistet, sei es durch Anreichen von Eigenverpflegung an neuralgischen Punkten oder durch euer unermüdliches Anfeuern gerade in mentalen Tiefs. Vielen, vielen Dank! 🙏🏻




